Lehrmittel für die ganze Welt
Blindenmuseum und Lehrmittel «Unterrichtsmaterial für blinde und sehbeeinträchtigte Kinder kann man nicht einfach im Laden kaufen – oder online bestellen.» Rolf Glauser legt das Relief, das er in der Werkstatt der Blindenschule Zollikofen erarbeitet hat, in die Tiefziehmaschine. Kopie um Kopie entstehen Kunststoffabzüge. Im nächsten Schritt spannt der Reliefbauer die Abzüge passgenau in einen Kasten und schneidet sie zu. Stapelweise türmen sich die fertigen Abzüge auf einem Tisch. In Deutschland werden sie zu Büchern gebunden. Der Druck für den Intelligenztest für blinde und sehbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche ist ein Grossauftrag für die schuleigene Werkstatt. «Ein Jahr werden wir wohl damit beschäftigt sein», sagt Rolf Glauser.
Text: Dagmar Wurzbacher. Bild: Max Strässle.
Aufträge von auswärts werden hier im Anbau der Blindenschule ausgeführt. Und Lösungen für hauseigene Bedürfnisse ausgetüftelt. Die Werkstatt ist Zeugin davon: Modelle für den Bahnhof Bern oder einen Lift genauso wie verschiedene Werkstätten, Spiele, Reliefs. In einer Ecke steht eine riesige Tiefzugmaschine, überstellt mit Werkzeugen und Material. «Ein Eigenbau meines Vorgängers, um grosse Flächen tiefzuziehen», erklärt Glauser. Tatsächlich kommt auch sie noch ab und zu zum Einsatz.
Eine solche Kreativität wohnte auch Martin Kunz inne, damals in den 1880er-Jahren. Der Lehrer, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Fläsch im Kanton Graubünden auf die Welt kam, übernahm 1881 die Stelle als Direktor der Blindenanstalt in Illzach bei Mülhausen. Es war seine erste Stelle als Blindenlehrer. Rasch bemerkte er, dass seine Schülerinnen und Schüler es sich nicht vorstellen konnten, wenn er von Zahlen, Geographie oder Tierarten sprach.
Martin Kunz, der Autor
«Der Unterricht beschränkte sich auf Religion, Lesen und Schreiben in beiden Sprachen, etwas Sprachlehre, elementares Rechnen und die Elemente der Geographie, soweit die damaligen Lehrmittel solchen Unterricht ermöglichten. […] Lehrmittel zur Veranschaulichung des Lesestoffes waren nicht vorhanden.» Dank zahlreichen Texten, die er verfasste und publizierte, ist heute viel über das Blindenwesen um die Jahrhundertwende bekannt.
Während ein Kind vorne an der Wandkarte tastete – mit Umrissen der Landesgrenzen, Knöpfen, welche die Orte markierten und Drähten, die den Lauf der Flüsse wiedergaben, mussten die anderen Kinder auf ihren Bänken warten. Sie langweilten sich. Ohne tastbare Objekte hatten die Kinder keine Vorstellung, was ein Wort wirklich meint, oder wie es Kunz formulierte: «Die auswendig gelernte Definition kann und darf uns nicht genügen.» Kunz strebte einen individuellen Unterricht an. Was er dafür benötigte: gute, kostengünstige Lehrmittel, die sich seriell nach Bedarf herstellen liessen. Sodass jedes Kind in seiner Schulklasse eine Karte vor sich auf dem Pult hatte.
Eigene Unterrichtsmaterialien sind mehr als praktische Hilfsmittel – sie sind Werkzeuge des Denkens. Wer ein Buch aufschlagen, eine Karte ertasten oder ein Bild in den Händen halten kann, lernt anders: konzentrierter, eigenständiger, nachhaltiger. Was für sehende Menschen selbstverständlich ist – ein Bild, eine Landkarte, eine Illustration – existiert für blinde und sehbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler nur, wenn es eigens für sie geschaffen wird.
Martin Kunz, der Künstler
Martin Kunz handelte: mit Gravurstichel, Druckpresse und einer Vision, die weit über seine Schule in Illzach hinausweisen solllte. Er baute in den Räumlichkeiten der Blindenanstalt eine Druckerei auf. Eigenhändig gravierte und modellierte er Druckplatten zur Herstellung von geographischen Karten, Bildern von Tieren und Pflanzen sowie Darstellungen von physikalischen Phänomenen. Die Blätter, nach Bedarf zu Atlanten gebunden, überragten in ihrer Präzision alles, was sonst auf dem Markt angeboten wurde. Und dies zu bezahlbaren Preisen. Denn allen Blindenanstalten mangelte es an Lehrmitteln, überall fehlte das Geld. Bildung war für blinde Menschen keine Selbstverständlichkeit.
Die Druckstöcke, die in der Sonderausstellung gezeigt werden
Auf fünf Rollstehpulten werden fünf Druckplatten präsentiert mit den dazu gehörigen Blättern. Dank der guten Zusammenarbeit mit dem Centre Phare in Illzach dürfen wir für die Ausstellung vier absolute Highlights der Kunst von Martin Kunz ausleihen. Ein Druckstock gehört bereits zur Sammlung des Blindenmuseums.
Aus Kostengründen benutzte Kunz manchmal eine Druckplatte beidseitig, auf der Vorderseite modellierte er (Hochdruck), auf der Rückseite gravierte er (Tiefdruck). Sie sehen deshalb hier sechs Abbildungen.
Martin Kunz, der Pionier der Blindenpädagogik
Zu den Reliefbildern stiess Martin Kunz eher beiläufig. Sein Sohn beklagte sich, dass der Vater ihm nie ein Blatt drucken würde. Also schnitzte Kunz aus Holz eine Ente, weil der Sohn in dieser Zeit mit einer Ente der Anstalt Freundschaft geschlossen hatte und ständig mit ihr unterwegs war. Die Schnitzerei ging ihm leicht von der Hand, der Druck überzeugte.
Martin Kunz stellte Lehrmittel in grosser Anzahl her. Mehr als 100 000 Blätter produzierte er in seiner Druckerei und verschickte sie in die ganze Welt. Seine über 80 Reliefkarten und 70 Reliefbilder nannte er auch «Orbis pictus», was so viel wie sichtbare Welt bedeutet. Er stellte seine Karten und Reliefbilder aus, unter anderem an der Weltausstellung in Paris 1900 oder an der Landesausstellung in Bern 1914, wofür er vielfach ausgezeichnet wurde. Die Auszeichnungen dienten ihm wiederum als Werbematerial für seine Lehrmittel.
Blinde und sehbeeinträchtigte Kinder lernen anders – und müssen deshalb anders gefördert und begleitet werden. Heute ist der Intelligenztest ein Instrument, die Stärken und den Entwicklungsstand der Kinder zu erfassen und damit ihre besondere Wahrnehmung gezielter zu berücksichtigen. Damals war es die Vision, den Unterrichtsstoff jedem einzelnen Kind zugänglich zu machen, der die Blindenpädagogik revolutionierte.
«Martin Kunz war mit seinen Reliefs und seriellen Abzügen der Erfinder des Unterrichtsmaterials für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen – und das ehren wir mit dieser Sonderausstellung», sagt Silvia Brüllhardt, Leiterin des Schweizerischen Blindenmuseums. «Das Prinzip mit dem Originaldruckstock und dem Vervielfältigen mittels Abzügen verwenden wir bis heute. Und wird mit der Technik des 3-D-Druckens weitergeführt.»
Die Reliefabzüge
Das Blindenmuseum beherbergt in seiner Ausstellung seit jeher über 100 Reliefabzüge aus dem Werk von Martin Kunz. Kunz verwendete dabei verschiedene Ausführungen von Abzügen: neutrale Abzüge, lackierte und kolorierte für Sehende. In jedem Rollpult sind die verschiedenen Abzüge des jeweiligen Druckstocks in Schubladen zu entdecken.
Für die Ausstellung entwickelte Reliefbauer Rolf Glauser Roll-Stehpulte mit Schubladen, welche die einzigartigen
Druckreliefs besonders gut zur Geltung bringen.



Sonderausstellung für blinde und sehende Menschen
Das Schweizerische Blindenmuseum «anders sehen» widmet dem Blindenlehrer und Druckpionier Martin Kunz eine Sonderausstellung und stellt eine wichtige Etappe der Entwicklung der Blindenpädagogik vor. Vom August 2026 bis Mai 2027 können Besucherinnen und Besucher in das Schaffen und Wirken des Visionärs Martin Kunz eintauchen und, wie im Blindenmuseum üblich, jedes Relief und seine Abzüge ertasten.
Die Ausstellung ist als Rundgang durch das Blindenmuseum konzipiert und führt das Publikum thematisch an die ausgestellten Druckplatten und Abzüge heran. Im Zentrum stehen Martin Kunz’ Lehrmittel: Fünf Original-Druckstöcke aus der Fondation Le Phare in Illzach im Elsass und die Reliefabzüge aus der Sammlung des Blindenmuseums.
Weshalb die aus heutiger Sicht schlicht wirkenden Blätter weltweit Aufmerksamkeit erregten, wird mit zusätzlichen Informationen erklärt:
- Biografisches über Martin Kunz
- Das Blindenwesen um die Jahrhundertwende
- Die Bedeutung der Reliefkarten und Reliefbilder im Zeitalter der Belle Époque
- Pädagogische Überlegungen zur Veranschaulichung – oder um es in den Worten des Museumsgründers Theodor Staub zu formulieren: zur Naturtastung
- Das Hochdruckverfahren zur Herstellung der Blätter, das Kunz in jahrelanger Tüftelei zur Perfektion entwickelte
Das Blindenmuseum gehört zur Blindenschule Zollikofen. Sein Ziel: Das Verständnis für Menschen fördern, die nicht oder eingeschränkt sehen. Damit wird das Thema Blindheit und Sehbeeinträchtigung in der Gesellschaft sichtbar.



















