Vom Musiklehrer zum Schulleiter – und wieder zurück
Jean-Luc Gassmann blickt auf über 35 Jahre Blindenschule zurück«Pling». Das Brief-Icon im E-Mail blinkt auf. Hat er tatsächlich schon geantwortet? Er, der normalerweise länger für die Bearbeitung seiner Mails braucht? Ich öffne mein Postfach und sehe ein E-Mail von Jean-Luc Gassmann. Ja, tatsächlich. Er hat innerhalb einer Stunde auf meine Anfrage für ein Interview reagiert.
Text: Corinne Stettler. Bilder: Max Strässle, Archiv Blindenschule Zollikofen
Jean-Luc Gassmann war bis vor den Sommerferien Schulleiter Sehen plus. Im Schuljahr 25/26 erreichte er das Pensionsalter. Die Zügel konnte er an seine beiden Nachfolgerinnen Fabienne Etter und Martina Bachmann übergeben.
Die Verantwortung abgeben, nach über 35 Jahren, das ist doch sicher nicht einfach? Jean-Luc Gassmann ist froh, dass seine Leitung von zwei bisherigen Mitarbeiterinnen der Blindenschule übernommen wurde. «Ich hätte Mühe gehabt, wenn es jemand von auswärts gewesen wäre», erklärt er.

Jean-Luc Gassmann, der Pädagoge
Jean-Luc Gassmann begann 1990 an der Blindenschule zu unterrichten, als «ganz gewöhnlicher Musiklehrer», wie er sagt. Er hatte keine Ahnung von den Themen Blindheit und Sehbeeinträchtigung. Das Job-Inserat habe ihn angesprochen. Und er entsprach dem Anforderungsprofil der Blindenschule: «Das Ziel damals war, dass die Kinder im Klavierunterricht nicht nur den geraden Rücken trainierten. Sondern sich auch musikalisch weiterentwickeln konnten», erinnert sich Jean-Luc Gassmann. Denn gerade in der Musik gibt es keine Barrieren für Kinder, die mit einer Seh- oder Mehrfachbeeinträchtigung leben.
Dass Jean-Luc Gassmann Lehrer werden wollte, war für ihn schon immer klar. «Ich komme aus einer Lehrerfamilie. Meine Mutter, mein Grossvater und sogar mein Urgrossvater waren Lehrpersonen», erzählt er.
Jean-Luc Gassmann, der Musiker
Aufgewachsen ist Jean-Luc Gassmann in einem Quartier in Bern. Sein Vater kam aus der Westschweiz, innerhalb der Familie unterhielten sich Gassmanns auf Französisch.
Als er als junger Student das Gymnasium besuchte, war für ihn deshalb klar: «Ich werde Sprachlehrer.»
Musik hatte für Jean-Luc Gassmann schon immer eine wichtige Bedeutung. «Wir hatten zu Hause ein Klavier. Als kleiner Junge konnte ich mich ans Klavier setzen und Melodien, die ich gehört hatte, üben. Stundenlang.» Der Pädagoge lacht. «Ich weiss auch nicht, was man mir damals für eine Diagnose gegeben hätte.»
Die Leidenschaft für Musik blieb bei seinen Eltern nicht unbemerkt. Und irgendwann schlug ihm die Mutter vor, Musiklehrer zu werden, erinnert sich Jean-Luc Gassmann. «Sie hat mich dazu überredet, die Aufnahmeprüfung am Konsi zu machen. Es gab bloss 10 subventionierte Plätze für die Ausbildung Sekundarlehrer Musik. Ich bestand die Prüfung, und somit war mein Schicksal besiegelt.»
Heute ist Jean-Luc Gassmann ein musikalischer Tausendsassa. Er spielt nebst dem Klavier auch Gitarre, Schlagzeug, Synthesizer, Cembalo, Akkordeon, Orgel, Gitarre, E-Bass und Perkussion. «Was ich gar nicht kann, sind Blasinstrumente», ergänzt er. Sein Können gibt er an den Konzerten der Blindenschule Zollikofen zum Besten. Und bei privaten musikalischen Projekten. Für die er in Zukunft etwas mehr Zeit habe. «Vor allem fürs Üben», fügt er schmunzelnd hinzu.
Jean-Luc Gassmann, der Herzliche
Was macht für ihn die Blindenschule aus? «Herzlichkeit,» sagt Jean-Luc Gassmann. Fachkompetenz sei das eine. «Aber wenn wir bei den Kindern und Jugendlichen nicht den Menschen dahinter sehen, dann nützt diese nichts», ist der Pädagoge überzeugt. Seine Herzlichkeit und sein pädagogisches Geschick sind zum Beispiel in der Reportage über den ehemaligen Schüler Samuel zu lesen und zu sehen. Der Link zum Beitrag befindet sich weiter unten.
Auf die Frage, ob er 1990 gedacht hätte, dass er so lange bei der Blindenschule Zollikofen bleiben würde, sagt er klar: «Nein.» Aber mit den ganzen schulischen und strukturellen Veränderungen an der Blindenschule im Verlauf der Jahre hatte er immer die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und Neues zu lernen. Und eben auch die Möglichkeit, die Teamleitung für Sehen Plus zu übernehmen.
Jean-Luc Gassmann ist nun als Schulleiter pensioniert. Doch er bleibt der Blindenschule erhalten. «Jetzt bin ich wieder ‘nur’ Musiklehrer», sagt er und lacht. Wie ganz am Anfang, als er die Stelle antrat. Und wer schreibe dem Musiklehrer schon E-Mails? Waren es in seiner Zeit als Teamleiter unzählige Nachrichten, sind es heute vielleicht noch drei pro Tag. Das erklärt also auch, weshalb er so rasch auf meine Anfrage antwortete.

Vielen Dank, Jean-Luc, für deine Arbeit und dass wir weiterhin auf dein Wissen in der Blindenschule und im Schweizerischen Blindenmuseum zählen dürfen.
Als Vermittlungsperson von Workshops für Schulklassen kann man Jean-Luc Gassmann im Schweizerischen Blindenmuseum persönlich begegnen.
Reportage: Eine Sprache, die Barrieren überwindet

So hat man den Mani Matter noch nie gehört. Im breitesten Berndeutsch, ja, so wie es sein muss. Doch da schwingt etwas mit. Das gewisse Etwas, das einen besonders aufmerksam hinhören lässt. Und fasziniert. Samuel singt den «Noah» in einer neuen Interpretation, seiner Stimmfarbe.




