Brailleschrift als Schlüssel zu Bildung für alle
BildungSorgfältig tasten Samis Finger die Braille-Zellen in ihrem Buch ab. Die 14-jährige Schülerin liest das Kinderbuch Madita von Astrid Lindgren. Dabei wird sie von Dorothea Wiediger unterstützt, ihrer Braille-Lehrperson an der Blindenschule im bernischen Zollikofen.
So ganz mag sich das Teenager-Mädchen aber nicht auf die Lektüre konzentrieren. Zu aufgeregt ist sie aufgrund des Besuchs während ihres Unterrichts – eine Fotografin und eine Journalistin sind schliesslich nicht jeden Tag im Schulzimmer. Der Besuch in der Einzellektion an diesem Morgen findet im Auftrag der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) statt. Entsprechend hat Sami viele Fragen und will alles bis ins Detail genau erklärt haben. Ihre Neugier scheint unstillbar zu sein. Irgendwie passt sie mit ihrer direkten, sympathischen Art perfekt in die Kinderbuch-Welt von Astrid Lindgren.
Text: Natalie Avanzino. Bild: Dorothea Hochuli.
Quelle: Hochschulmagazin «heilpädagogik aktuell», Nr 46, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH)

Weiterbildung in Brailleschrift
Dorothea Wiediger hat für ihre Schüler:innen einen eigenen Leselehrgang (von IntraAct) für Braille-Lernende adaptiert. Sie unterrichtet seit drei Jahren an der Blindenschule in Zollikofen. Die Institution ist die älteste Schule für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen in der Schweiz, sie wurde 1837 gegründet.
Die Braille-Lehrperson ist überzeugt, dass der Lesekompetenz dieser Kinder und Jugendlichen mehr Gewicht beigemessen werden müsse, da nach wie vor ein grosser Teil des Lernens darauf aufbaue. Um sich mehr Wissen anzueignen, absolviert sie deshalb aktuell den CAS «Brailleschrift unterrichten» an der HfH. Dieser wird schweizweit zum ersten Mal durchgeführt. Der CAS-Lehrgang beinhaltet Module zu verschiedenen Brailleschrift-Systemen, Access Technologien, didaktischen Grundlagen sowie zu Fördermaterialien in der Punktschrift.
An der Blindenschule unterrichtet Dorothea Wiediger Braille-Einzellektionen. Alle Lernenden, die Brailleschrift nutzen, haben wöchentlich eine Lektion bei ihr oder ihren Teamkolleg:innen Eliane Hollenstein oder Alexander Wyssmann, in welcher spezifisch auf die individuellen Bedürfnisse eingegangen werden kann. Die Kinder besuchen diesen Fachunterricht ausserhalb ihrer Regelklasse, in welcher die Klassenlehrperson von Klassenassistenzen unterstützt wird.
«Ich motiviere die Kinder, auch ausserhalb des Unterrichts das Lesen der Brailleschrift zu üben. Zwei oder drei Mal pro Woche während 20 Minuten wäre zielführend, damit die Lernenden die Brailleschrift flüssiger lesen können», betont Dorothea Wiediger. Diese Regelmässigkeit sei wichtig. Denn die blinden oder sehbeeinträchtigten Kinder hätten ausserhalb des Unterrichts wenig spontane Möglichkeiten zu lesen; Sehende sind im Alltag ständig mit Schrift konfrontiert.
Auch Fabian Winter, Professor für Bildung bei Beeinträchtigung des Sehens und Leiter des Studienschwerpunkts Sehen im Studiengang Schulische Heilpädagogik, bestätigt Dorotheas Wiedigers Beobachtungen: «Gerade in der Basisstufe ist die Leseförderung zentral und muss zwischen allen involvierten Lehrpersonen koordiniert werden. Ein grosser Teil der Leseförderung in Braille findet integral im Schulalltag statt – und nicht im separaten Braille-Unterricht», so Fabian Winter.
Die Förderung der Brailleschrift könne in Einzellektionen gezielt aufgebaut und differenziert vorangetrieben werden. Nachhaltig wirksam wird sie jedoch nur, wenn Braille im gesamten schulischen Kontext selbstverständlich präsent ist – im Klassenunterricht, in Lernumgebungen, in Materialien und im Schulgebäude. Ebenso bedeutsam ist die Einbettung im Elternhaus. Kinder benötigen regelmässige Lesegelegenheiten, vielfältige Anlässe zum Schreiben und eine Umgebung, in der Braille als selbstverständliches Schriftmedium wahrgenommen wird. Dafür braucht es eine gute multiprofessionelle Zusammenarbeit zwischen den involvierten Lehr- und Bezugspersonen.
Selbstständigkeit lernen
Die meisten Lernenden kennt Dorothea Wiediger seit Jahren. Als die blinde Sami, die mit Autismus lebt, an die Blindenschule kam, sei sie wesentlich unselbstständiger gewesen. Sie konnte nicht frei gehen und bevorzugte flüssige Nahrung. Heute sitzt sie mit den anderen Schulkindern am Mittagstisch und isst ohne Hilfe. Dies hat sie im Unterricht «Lebenspraktische Fähigkeiten» gelernt, wo sie auch übt, wie sie Wäsche sortiert oder zusammenfaltet, wie sie Getränke beim Einschenken dosiert, Schuhbändel bindet oder die richtige Menge Zahnpasta erwischt. Auch bewegt sich Sami mit ihrem Langstock weitgehend unabhängig im weitläufigen Schulgebäude.
Folgende Bilder stammen aus der Reportage Lebenspraktische Fähigkeiten
Alltagserfahrungen, die für sehende Kinder beiläufig zugänglich sind, müssen bei Blindheit oder Sehbeeinträchtigung gezielt angebahnt und systematisch aufgebaut werden. Der Zugang zur Umwelt erfolgt dabei über andere oder zusätzlich genutzte Sinne. Neben dem Tasten und Hören spielt – je nach individuellem Sehvermögen – auch das funktionale Sehen eine wichtige Rolle. Entscheidend ist, dass Lernen häufig stärker angeleitet, sprachlich begleitet und systematisch aufgebaut werden muss. Dem Erlernen dieser lebenspraktischen Fähigkeiten kommt an der Blindenschule denn auch eine grosse Bedeutung zu. Sie sollen den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.
Dabei spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle: Neue Technologien ermöglichen Menschen mit Sehbeeinträchtigungen einen zunehmend barrierefreien Zugang zu Informationen und fördern so die Selbstständigkeit. Aktuelle Untersuchungen zeigen aber keine Verdrängung der Brailleschrift. Sie wird vermehrt in Kombination mit Technologien und Sprachausgabe genutzt.
Haptisches Lesen bleibt essenziell
Die Beherrschung der Brailleschrift bleibt für Menschen mit Blindheit oder hochgradiger Sehbeeinträchtigung unabdingbar. Benötigt es doch in einer schriftbasierten Gesellschaft, die Fähigkeit, Schriftsprache aktiv zu nutzen, Texte und Informationen zu verstehen und zu interpretieren. Die hierfür benötigte Literacy ist nicht nur der Zugang für eine erfolgreiche Schullaufbahn, sondern ermöglicht es, Informationen selbstständig zu erschliessen, Entscheidungen aufgrund eigener Überlegungen zu treffen und so aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Denn gerade beim vertieften Verständnis von Textinhalten schneiden Lesende besser ab als Hörende. Haptisches Lesen bleibt also essenziell für die schriftsprachliche Teilhabe, weil damit ein fundierteres Verstehen und Behalten von Wissen unterstützt wird.
Dies bestätigte auch die von 2015 bis 2018 von der HfH und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg durchgeführte Studie «Zukunft der Brailleschrift», welche die Nutzung und Relevanz der Brailleschrift sowie der Access Technologien untersuchte. Fabian Winter bestätigt die anhaltende Relevanz der Brailleschrift. «Die Brailleschrift hat den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft und wird heute nicht nur auf Papier, sondern auch auf elektronischen Ausgabegeräten gelesen und geschrieben. Im CAS wird deshalb viel mit entsprechenden Technologien gearbeitet.»
Die erstmalige Durchführung des CAS «Brailleschrift unterrichten» an der HfH ist dabei kein Zufall. Sie steht in engem Zusammenhang mit den Ergebnissen der Studie «Zukunft der Brailleschrift». Diese zeigt deutlich, dass Brailleschrift auch im digitalen Zeitalter eine zentrale Grundlage für Teilhabe an Bildung bleibt. Gleichzeitig macht die Studie deutlich: Die Zukunft der Brailleschrift hängt wesentlich von der Qualität des Unterrichts ab. Entscheidend sind gut ausgebildete Punktschrift-Lehrpersonen, die sowohl über fundierte Kenntnisse der Brailleschrift als auch über didaktische und technologische Kompetenzen verfügen. An der HfH ist geplant, dass der CAS künftig regelmässig angeboten wird. Der nächste Start des Zertifikatlehrgangs ist für den Sommer 2027 geplant.
Brieffreundschaft als Übungsfeld
Inzwischen neigt sich die Einzellektion von Sami dem Ende zu. Zum Schluss hat sie noch Zeit, einen Brief ihrer Brieffreundin zu lesen, die an der Partnerschule Sonnenberg in Baar zur Schule geht. Das Mädchen berichtet von ihren Ferien und einem schönen Ausflug. Sami strahlt beim Lesen über das ganze Gesicht und verstaut den Brief anschliessend andächtig wieder in der Mappe. Zeit zum Beantworten des Briefes mit der Punktschrift-Maschine wird sie in der kommenden Woche erhalten.
Dorothea Wiediger hat diesen brieflichen Austausch für ihre Lernenden initiiert, um attraktive Übungsmöglichkeiten im Lesen und Schreiben zu bieten. Dank ihrem Anstoss erhalten ihre Schüler:innen so regelmässig Briefpost von Gleichaltrigen, die ihren schulischen und privaten Alltag mit ähnlichen Herausforderungen meistern.






