Besuch bei der Spiele-Macherin
LudothekAuf dem Arbeitstisch türmen sich Filzreste, Plastikfolien, Prototypen. Kartonrollen, jede mit eigener Textur. In transparenten Boxen lagern Holzperlen, eckig, gerillt, kugelrund. Knöpfe, gross, klein, irgendwas dazwischen; mit einem, zwei oder auch vier Löchern.
In den Schränken und auf den Ablagen stapeln sich Sortierboxen, gefüllt mit Magneten, Stoff, Klett, Kork, Holz, Würfeln in verschiedenen Grössen und Formen. Ja, da finden sich sogar Materialien, die den Duftsinn fordern: Döschen mit Honig, Apfel, Vanille, Tannennadeln, Flieder. Auf kleinstem Raum Arbeitsmaterial in Hülle und Fülle. Material zum Tasten und Riechen. Und das entsprechende Werkzeug dazu.
Hier ist eine Spiele-Macherin am Werk.
Text: Dagmar Wurzbacher. Bild: Max Strässle.
Mit dem Japanmesser schneidet Sophie Wilmsmeier kleinste Rechtecke aus hellblauem Filz, blauer Folie, gelb leuchtendem Schleifpapier. Prüfend legt sie sie auf einen Kartonstreifen aus ihrem aktuellen Projekt Topp die Torte, Kinderspiel des Jahres 2025. Die länglichen Streifen sind das Herzstück des Spiels, die Torte sozusagen, jedes Tortenstück dekoriert mit farbigen Streifen.
Was für sehende Spielerinnen und Spieler auf einen Blick erkennbar ist, gilt es nun fühlbar zu machen. Hellblauer Filzstoff? Verwirft Sophie Wilmsmeier schnell wieder. «Beim zehnten Spieldurchlauf ist der total verfasert», weiss sie aus Erfahrung. Gelb leuchtendes Schleifpapier? Sophie Wilmsmeier entscheidet sich für das feinkörnige und damit weniger starke. «Das hellere Gelb würde mit den anderen Farben besser harmonieren, doch vom Kontrast her ist es schlechter und macht als grobes Schleifpapier nun mal, was Schleifpapier tun muss: Es raspelt ab.» Auch hier, nach dem zehnten Spieldurchlauf würde das Spiel eine Generalüberholung in der Werkstatt benötigen.
Wir sind mittendrin in einer Anpassung eines Gesellschaftsspiels für Menschen mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung. Doch mit welchen Überlegungen startet Sophie Wilmsmeier einen solchen Prozess?
Das Spiel von Grund auf neu denken
«Kommt ein neues Spiel auf den Markt, überlege ich mir immer wieder neu: Für wen ist es geeignet? Für wen passe ich es an? Und selbstverständlich: Ist es überhaupt für Menschen mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung spielbar?», erklärt die Mitarbeiterin der Blindenschule Zollikofen. Sind es jüngere Kinder? Dann ist Braille-Schrift keine Option. Ist es ein schnelles Spiel, zum Beispiel Ligretto? Dann ist es gar nicht geeignet. Ist es hauptsächlich Text? Wie bei vielen Kartenspielen? Dann macht Sophie Wilmsmeier die Karten für Blinde und Sehbeeinträchtigte lesbar: Sie beklebt die Karten mit Text in grösserer Schrift und in Braille. Und in Kinderbüchen werden Bilder fühlbar.
Bei Topp die Torte ist ihr Ziel, Braille zu umgehen. Denn Sehende und oft auch Sehbeeinträchtigte könnten Braille nicht lesen. Wilmsmeier, die auch die Ludothek der Blindenschule betreut, weiss: Es sind meist gemischte Gruppen, die zusammenspielen. Familien, Schulklassen, Freundesgruppen. «Selten sind alle, die gemeinsam am Tisch sitzen, blind. Da gibt es feinste Nuancen von blind bis sehend.»
Findet sie keine andere Lösung, tüftelt die Spiele-Macherin so lang, bis Text und Zahlen für alle sicht- und fühlbar sind. Und das eine das andere nicht überdeckt, weil der Platz auf den Spiel-Elementen begrenzt ist. Auch bei Topp die Torte gibt es einen klitzekleinen Anteil Braille. Für Sehende kaum sichtbar auf den Gold-, Silber- und Bronzeplättchen.
Ist der Entscheid für die Adaption eines Spiels gefallen, macht Sophie Wilmsmeier eine Auslegeordnung. Verschafft sich einen Überblick über die Teile des Spiels. Prüft die Materialien. Was kann sie vom Spiel übernehmen, was muss sie anpassen? Möchte so viel Material wie möglich nutzen, das in ihren Schränken schlummert. Taxiert die Grafik und deren Bedeutung für den Spielablauf. «Meistens geht es nicht nur um Braille-Beschriftung», erklärt sie. «Es geht darum, das Spiel von Grund auf neu zu denken.»
Die handwerkliche Umsetzung
Im Kopf entstehen die ersten Ideen zur Anpassung. Die Farben der Torte werden taktil umgesetzt. Die farbigen und goldenen Plastikperlen, die Zuckerwürfel im Spiel, sind zwar hübsch anzusehen, doch für Menschen, die ihren Tastsinn nutzen, nicht zu unterscheiden. «Viele Anpassungen ergeben sich während der Umsetzung, während ich Material teste und wieder verwerfe.» Sophie Wilmsmeier entscheidet sich für Plastikplättchen, die sie mit dem gleichen Material beklebt wie die Tortenstücke. 14 mm klein. Als sie die Kreise mit einem Locheisen und Hammer stanzt, schaut manch eine Kollegin, ein Kollege kurz verwundert über den Lärm zu ihr ins Büro.
Die Zuckerwürfel, die auf den Tortenstreifen abgebildet sind, macht sie mit Klebpunkten tastbar. Doch weil sie nur durchsichtige in ihrem Fundus fand, malte Sophie Wilmsmeier kurzerhand die Unterseite weiss an. Die Sterne? Da 8 mm grosse Sterne im Handel nur mit viel Aufwand zu finden sind, druckt sie Sophie Wilmsmeier selbst. Der 3-D-Drucker ist das neuste Werkzeug in ihrem Atelier. Gedruckt wird auch der Rahmen, in dem die Tortenstreifen während des Spiels fixiert sind.
«Topp die Torte ist ein komplexes Spiel, mit einer anspruchsvollen Grafik», blickt die Tüftlerin auf die letzten Wochen zurück. Gibt es Spiele, die sie in einem halben Tag umsetzen kann, Kartenspiele inklusive Anleitung zum Beispiel, so gehört Topp die Torte zu den deutlich aufwändigeren Projekten. Nicht nur in der Umsetzung, sondern auch in der Spielpraxis. Da das Spiel auch ohne einige der komplexeren Spiel-Mechaniken spielbar ist, hat sich Sophie Wilmsmeier entschieden, zusätzlich eine Anleitung für einen einfacheren Spielverlauf zu schreiben.
Keine Spielanpassung ohne Test. Auch während der Anpassung. Testerin ist Hanni Wüthrich, selbst blind und ehemalige Mitarbeiterin der Ludothek. «Es ist ausschlaggebend, eine Person zur Seite zu haben, die oft spielt und spielebegeistert ist», sagt Sophie Wilmsmeier. Und das ist Hanni Wüthrich, die regelmässig mit ihren Enkeln spielt. «Hanni Wüthrich gibt mir wichtige Tipps für die Weiterentwicklung und für die Spielanleitung.» Es kann durchaus vorkommen, dass Hanni Wüthrichs Fazit lautet: «Spielbar, aber macht keinen Spass.» Für Topp die Torte steht dies noch aus. Das erfahren Sie später auf unserer Website.
Von wegen Schummeln
Die Spiele-Macherin selbst ist ein passionierter Spielfan. Viele der rund 1000 Spiele, die zur Ausleihe stehen, hat Sophie Wilmsmeier schon mal gespielt. In jeder Zusammensetzung. Regelmässig besucht sie mit blinden Kolleginnen und Freunden die Spielenacht im «Drache-Näscht», einem Spielladen in der Berner Altstadt. «Ich habe da eine Sonderrolle: Ich sorge dafür, dass niemand schummelt», lacht sie.
Lieblingsspiele für Menschen mit Beeinträchtigung
Gesellschaftsspiele sind ein Kulturgut. In der Schule wie auch in der Familie haben sie eine wichtige Bedeutung. Spielen ist zudem eine Voraussetzung für die Entwicklung des Kindes. Spielen hilft, die Umwelt zu erobern. Genug Gründe für die Blindenschule Zollikofen, Spiele für Menschen mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung gleichberechtigt zur Verfügung zu stellen.
Rund 1000 Spiele warten in der Ludothek der Blindenschule Zollikofen auf Spielfreudige. Auf Menschen jeden Alters, ob zu zweit oder in einer Gruppe. Für Kinder gibt es zusätzlich taktile Bilderbücher. Spiele wie Bücher werden in den hauseigenen Ateliers und Werkstätten angepasst. In der Reportage über das Kinderspiel des Jahres 2025, Topp die Torte, lesen Sie, welche Überlegungen hinter einer solchen Adaption stecken.
Die Ausleihe ist kostenlos, auch der Versand. Die Ludothek steht allen in der Schweiz und in Liechtenstein wohnenden Menschen offen. Menschen mit Beeinträchtigung wie auch ihren Angehörigen und Fachpersonen. Die Blindenschule Zollikofen bietet mit ihrer Ludothek für Menschen mit Blindheit, Seh- und Mehrfachbeeinträchtigung ein einmaliges Angebot schweizweit.
Damit dies möglich ist, ist die Blindenschule Zollikofen auf Spendengelder angewiesen. Herzlichen Dank, dass auch Sie dies unterstützen.
Sophie Wilmsmeier, Ludothekarin, empfiehlt für ...
Grössere Gruppen:
Agent undercover, Familien-EditionEin Geheimagent versteckt sich unter Menschen an einem vordefinierten Ort, doch wer ist es? Das versucht der Grossteil der Gruppe durch geschickte Fragen herauszufinden. Der Geheimagent wiederum möchte wissen, wo er sich denn eigentlich befindet.
Zu zweit:
4mation - Eine Weiterentwicklung von Vier gewinnt.Der neue Kniff? Es muss am letzten gegnerischen Stein angebaut werden. Dadurch wird das Spiel taktischer und gemeiner, denn man kann den Gegenspieler zu gewissen Zügen zwingen!
Spielerinnen, die meinen, schon alles zu kennen:
BrückenspielDer Weg zum Ziel ist nicht immer frei, denn nicht nur die Spielfiguren bewegen sich, auch die Brücke verschiebt sich je nach Würfelwurf. Dieses Spiel wurde für Blinde und Sehbeeinträchtigte entwickelt und ist schon etwas älter. Wer sich also nicht schon lange Spielen auseinandersetzt, wird es wahrscheinlich nicht kennen.
Spielfaule:
HiloAm wenigsten Karten und die tiefsten Zahlenwerten vor sich. Das ist das Ziel dieses kurzweiligen Kartenspiels, dessen Fokus eher auf dem Glück liegt als auf taktischem Geschick und langem Nachdenken.


















