Orientierung bedeutet zu wissen, wo man ist, wohin man geht und wie man dorthin kommt. Orientierung findet dann statt, wenn man sich seiner Umgebung bewusst ist.
Wer sich umsieht, hat am schnellsten die meisten Informationen über seine Umgebung. Kinder, die blind oder sehbehindert sind, müssen lernen, sich anders zu orientieren. Sie können dies mit dem Einsatz ihrer anderen Sinne machen (Hören, Tasten, Bewegungsgefühl, Muskelempfindung, Bewegungserinnerung oder auch Distanzgefühl, Riechen, Fühlen, Sehvermögen). Ausserdem hilft ihnen der Umstand zu wissen und sich zu erinnern, wo sie sich in Bezug zu ihrer Umwelt befinden. So weiss beispielsweise ein Kind, dass es in der Waschküche ist, weil der Raum nach Waschpulver riecht, der Boden kalt ist, es den Boden als Betonunterlage erkennt und die Waschmaschine schleudern hört. Ohne eine gute Orientierung ist eine selbständige Fortbewegung nicht möglich.

Mobilität bedeutet, sich zu bewegen (kriechen, rollen, hüpfen, gehen, rennen, reisen). Blinde oder sehbehinderte Kinder müssen lernen, sich zu schützen, wenn sie sich fortbewegen. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten: Das Kind kann geführt, getragen oder im Wagen gestossen werden. Es kann etwas vor sich her stossen, z.B. einen Ball, einen Reif, den Kinderwagen oder eben: einen Stock benützen. Mobilität ist in allen Lebensabschnitten bedeutend. Ein Kind lernt dadurch seine Umgebung kennen. Kinder und Jugendliche können mit ihren Freunden unterwegs sein und ein Erwachsener kann zur Arbeit gehen, selbständig leben und wohnen.

Einstieg in den O+M-Unterricht

Orientierung und Mobilität beginnt nicht in der Schule, sondern im Alltag. Durch Bewegen und Handeln erobert das Kind die Welt, und im Bewegen und Handeln lernt es. Das Sehen ermöglicht dem Kind, Dinge zu finden, mit denen es gerne handeln würde. Sieht ein Kind z.B. einen roten Ball am anderen Ende des Zimmers, so wird es alles tun, um dorthin zu gelangen (robbend, rollend, kriechend, gehend, springend).
Ist die Welt aber mit den Augen nicht erfassbar, so muss sie auf andere Weise erfahrbar gemacht werden. Wir versuchen für das Kind Voraussetzungen zu schaffen, damit es darin möglichst viele Erfahrungen machen kann. Wir wollen ihm die Welt näher bringen, indem wir es handeln, erkunden, hören (u.a. auch Echolokalisation), abtasten, erproben, riechen, schmecken lassen. Dabei gestalten wir den Unterricht so, dass es selbständig handeln und lernen kann. Durch diese vielfältigen Erfahrungen lernt es Körper, Raum und Umweltwahrnehmung, Umweltmuster sowie Begrifflichkeiten kennen. Dieses Grundwissen ist unabdingbar für eine gute Mobilität.

Ziel des O+M-Unterrichts

Der Unterricht ermöglicht dem Kind die sichere, selbständige, effektive und vertrauensvolle Fortbewegung. Dies bedeutet – entsprechend den Möglichkeiten des Kindes – sich im eigenen Zimmer / auf der Wohngruppe / in der Schule zurecht zu finden, von der Wohngruppe ins Schulhaus zu gelangen, sich soweit wie möglich in den Gebäuden und im Areal auszukennen und sich in der unmittelbaren und weiteren Umgebung zu bewegen (zuerst in der Nachbarschaft, im Quartier, dann im Dorf und letztendlich in der Stadt mit all ihren Möglichkeiten). O+M bedeutet daher auch Verkehrs- und Umwelterziehung bei gleichzeitigem Gebrauch des weissen (Lang-)Stockes. Den O+M-Unterricht gestalten wir entsprechend der individuellen Situation des Kindes.

Wie wird unterrichtet?

Der Unterricht findet in der Regel während des Schulalltages statt. Je nach persönlicher Situation des Kindes/Jugendlichen dauert der O+M-Unterricht zwischen einer halben bis zu zwei Lektionen Einzelunterricht pro Woche. Ob sich der Unterricht über die ganze Schulzeit hinzieht oder nur in Intervallen stattfindet, ist wiederum von den Möglichkeiten und den Bedürfnissen des Kindes abhängig.