Die Auftretenswahrscheinlichkeit für Autismus ist bei blinden und sehbehinderten Kindern erhöht. Aus diesem Grund gehören autismus-spezifische Hilfen zum integralen Bestandteil der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik. Forschung und Fachliteratur belegen und beschreiben eine besondere Passung dieser Pädagogik bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus. Die Breite unserer pädagogischen Angebote ermöglicht die Wahl des passenden Settings im Einzelfall und dessen Anpassung an die laufende Entwicklung.

Mit Sonderverfügungen betreuen und schulen wir seit einigen Jahren vereinzelt sehende Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Im Januar 2017 hat das Alters- und Behindertenamt (ALBA) der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (GEF) der Blindenschule den Auftrag erteilt, auf den nächstmöglichen Zeitpunkt ein Angebot für die Zielgruppe ASS aufzubauen. In Zusammenarbeit mit Vertretungen des ALBA und des Regionalen Schulinspektorates Bern-Mittelland wurde ein Autismus-Konzept erarbeitet. Mit der erfolgten Bewilligung durch die Behörde bieten wir seit dem 1. August 2017 den Schulbereich Wahrnehmen für Kinder und Jugendliche mit ASS an. Er ist in die Unterbereiche Lernumgebungen und Homeschooling aufgeteilt und arbeitet eng mit der Schule Sehen zusammen.

Wir unterrichten, fördern und betreuen autistische und in ähnlicher Weise kommunikationsbehinderte Kinder und Jugendliche ohne Sehbehinderung, wenn die Rahmenbedingungen unseres schulischen und sozialpädagogischen Angebots in Anwendung der indizierten Pädagogik im Einzelfall den geeigneten Rahmen bieten.

Zielgruppe und Aufnahmekriterien
Das Angebot Schule Wahrnehmen richtet sich an Schülerinnen und Schüler aus dem Kanton Bern mit Autismus bei normaler Intelligenz oder leichter Lernbehinderung. Die Kinder und Jugendlichen weisen einen hohen individualisierten, fachgerechten und indikationsgeleiteten Förderanspruch aus, welcher im Rahmen des Volksschulangebots temporär oder längerfristig nicht geleistet werden kann. Grundsätzlich ist eine Aufnahme in unser schulisches und sozialpädagogisches Angebot dann angezeigt, wenn die Schülerin oder der Schüler mit ASS – jedoch ohne Sehbehinderung – aufgrund der momentanen Lernvoraussetzungen vom speziellen Angebot unserer Institution mehr profitieren kann als vom Angebot einer anderen Einrichtung.

Aufgenommen werden Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung, die

  • nach dem Lehrplan der Regelschule unterrichtet und
  • mit den Mitteln der schulischen- und der klinischen Heilpädagogik gefördert werden können,
  • die auf ein hoch individualisiertes und flexibles Fördersetting angewiesen sind und die folglich
  • in unserem Förderangebot den geeigneten Rahmen finden.

Aufenthaltsdauer
Der Eintritt erfolgt frühestens ab dem 4. Altersjahr, der Austritt spätestens mit 20 Jahren. Die maximale Aufenthaltsdauer in unserer Schule beträgt maximal 16 Jahre. Die minimale Aufenthaltsdauer wird mit der Zuweisung des ALBA festgelegt und kann bei nachgewiesenem Bedarf auf Gesuch hin verlängert werden. Bei entsprechendem Verlauf wird eine stufenweise und bedarfsgerecht begleitete Reintegration in die Volksschule mit Anschluss an die bestehenden Unterstützungssysteme angestrebt.

Zuweisung
Basis zur Beurteilung der Erfüllung der Aufnahmekriterien bilden der Bericht der Erziehungsberatungsstelle und die Verfügung des Schulinspektorats nach Artikel 18 VSG (Volksschulgesetz). Sind die Kriterien erfüllt, stellen die Eltern beim ALBA ein Gesuch um separative Sonderschulung. Die Zuweisung erfolgt mit Verfügung des ALBA.